Vom Fluchen und Fliegen.

Ich sag mal so: Ich habe Flugangst. Nein, nicht murmeliges Bauchgefühl, nicht leichtes Unbehagen, auch kein “ich bin immer ganz froh, wenn wir wieder unten sind” sondern einfache SCHEISSANGST vorm Fliegen. Und hier machte bei mir die Übung bisher nicht den Meister, jeder Flug in meinem Leben hat eigentlich meine Angst nur bestätigt. (Und Sie entschuldigen die dem Gedanken an das Fliegen geschuldeten mangelnde Fähigkeit der verbalen Ausdrucksschönigkeit). Aber es gibt ja herrliche Vermeidungsstrategien.

Nun begab es sich aber zu der Zeit, dass ich lieben Freunden im nächtlichen Rotweinaffekt anbot, sie auf Ihrer Umzugsreise von Karlsruhe nach Gibraltar (hier: 2 Erwachsene, 2 Kinder, 2 Autos) zu begleiten. Er, der beführerscheinte Mann der Familie hatte in einem Freund bereits einen Beifahrer gefunden, ich bot mich als weiblichen Counterpart für die einzige Frau des Hauses an. Gesagt getan. Ich freute mich. Wie Bolle. So mit Loch in den Bauch. Also richtig.

Bis mir dann einfiel, dass ich von da unten ja auch wieder nach Hause kommen muss. Mir wurde schlecht. Mir wurde schwindelig. Mir wurde schwarz. Mir wurde schwanger. Mit dem Gedanken, dass ich dazu fliegen muss.

Ich setzte mich, nachdem die erste Schockstarre nach 57 Stunden verhallt war, tatendrängig ans Laptop und stellte fest:

Per Zug: Rückreise alleine. 2.000 Kilometer. Geschätze Reisezeit: 2 Tage, davon 1 Tag ungewiss aufgrund unberechenbarer Verbindungen (irgendwas mit H0) bis Barcelona. Geschätzte Kosten für Ticket im Schlafwagen sowie sonstige Kosten entsprechen etwa 1 Woche Schwarzwald Wellness.

Per Auto: Rückreise alleine. 2300 Kilometer. Geschätze Reisezeit: 4 Tage. Geschätzte Kosten für Mietwagen (einfache Strecke) sowie Übernachtungen, Tanken etc. entsprechen etwa 2 Wochen Club Aldiana.

Per Schiff: Rückreise alleine. 2.800 Kilometer. Geschätzte Reisezeit: 22 Tage West-Europa Kreuzfahrt Malaga – Hamburg. Geschätzte Kosten für Außenkabine sowie sonstige Kosten inkl. unbezahltem Urlaub meines Arbeitgebers entsprechen etwa einem Ferienhaus in der Toskana. Einem renovierungsbedürftigem zwar, aber mit Meerblick.

Per Pedes: Rückreise verdammt alleine. 2.149,3 Kilometer. Geschätzte Reisezeit: 45 Tage (unter der Voraussetzungen, dass ich täglich 10 Stunden schaffe). Geschätzte Kosten für Übernachtung, Verpflegung, Ausrüstung, Schuhe, Schuhe, Schuhe, augebildeter Kampfhund als Reisebegleiter und Therapie gegen Angst vor Kampfhund als Reisebegleiter entsprechen etwa der Jahresmiete für das First-Class-Appartement in der Nervenheilanstalt, in die man anschließend eingeliefert wird (unter anderem, weil der unterwegs geschriebene Roman “Ich bin dann mal wieder da” kein Bestseller wurde).

Per Flieger: Rückreise zu zweit, zusammen mit besagtem Freund des Freundes. 2.200 Kilometer. Geschätzte Reisezeit inklusive Flughafentransfer: 5 Stunden. Geschätzte Kosten für Flug, 1/2 Liter Rotwein und Physiotherapie für die zur Beruhigung zu haltende und gequetschte Hand von Freund-Freund: ein wunderbares Abendessen mit Freunden.

Schlaflose Nächte, Tränen, aufmunternde Worte von Freunden (“Stell Dich nicht so an, du bist doch schon öfter geflogen”, “Runter kommen sie alle”, “Du hast doch Begleitung”, “Trink vorher was”, “Autofahren ist viel gefährlicher”, “Stell Dich jetzt mal wirklich nicht so an”) später holte ich also tief Luft und sagte: ,Ok.’

“O.k.”
(Aus dramaturgischen Gründen muss ich das kurz wiederholen.)

Nicht, dass ich keine Angst mehr gehabt hätte, oh nein, ich hatte immer noch Panik der panischen Art (siehe Absatz 1). Aber angesichts mangelnder Alternativen biss ich also in den bittersauren Flugapfel. Die Zeit dort unten mit meinen Freunden war fantastisch, aufregend, arbeitsreich, intensiv, nass (natürlich kam eine Atlantikwelle, als ich lässig meine Hose hochkrempelte und mal kurz die Wassertemperatur testen wollte), lachend, schön. Und je schöner es wurde, desto klarer wurde: ich muss diesen Kloß herunterschlucken, entspannt der Rückreisephase entgegensehen und in dieses elende Blechteil mit Flügeln einsteigen, um wieder kommen zu können.

Der Rest ist kurz erzählt. Der Rückreisetag kam. Der Abschied war kurz und schmerzlos, der Check-in war kurz und reibungslos, der Rotwein war fad und teuer. Aber eine Stunde, einem aufmunternden ,Du schaffst das’ und männlichen Schubser des Freund-Freundes ins Flugzeug später stolperte ich vor einen äußerst attraktiven Flugbegleiter, der mich mit Blick auf meine nicht wasserfeste Wimperntuschespuren fragte, ob er etwa für mich tun könne. Ich würgte ein ,Sie können mir Champagner bringen’ hervor, fiel auf meinen Sitzplatz. Start, Flughöhe erreicht, Champagner, Essen, Oh und Ah über dem Montblanc, Landung. Ich war verwirrt. Das ging ja – einfach.

Flugzeit: 2.20 h. Gefühlt: 1 h.
Wartezeit am Gepäckband: 20 min. Gefühlt mit voller Blase: 2.20 h.

Und nun? Der nächste Flug für Ende Mai ist gebucht (und ja, das habe ich ganz alleine gemacht).
Per Flugzeug: Hin- und Rückreise alleine. 4300 Kilometer. Geschätze Reisezeit: 10 Stunden. Geschätzte Kosten für Flugzeug, 1/4 Liter Rotwein und Mitbringsel: ein Lächeln. Und ich freue mich mal wieder. Da kommt wohl ein zweites Loch in meinen Bauch.

Moral von der Geschichte: keine.
Aber manchmal ist das Ziel eben der Weg. Und der Rest sind nur Transportschwierigkeiten.

(Danke. Ihr wisst schon, wen ich meine.)

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11 Comments

on “Vom Fluchen und Fliegen.
11 Comments on “Vom Fluchen und Fliegen.
    • Keine Moral. Ist das nicht … herrlich.

      Kla, ab sofort gibt es regelmäßiger mehr. Oder zumindest öfter als 12 mal im Jahr. Ich hörte, ich habe bald einen Premium Support. Third Level. Für mich DAU …

    • Sehr schön :o) Und man sagt ja, dass Konfrontationstherapie das beste Mittel gegen alle möglichen Ängste ist. Daher empfehle ich mal eine Runde mit einer kleinen einmotorigen viersitzigen Maschine (z.B. Cessna C172) mit einem erfahrenen Piloten, der Dir dabei auch alles erklären kann was passiert (weil Du ja neben ihm sitzt) – das ist etwas ganz anderes als im großen Urlaubsflieger, wo Du ja eigentlich gar nichts mitbekommst und Dich jedes “komische Geräusch” daher nur noch nervöser macht ;-)

  1. Ich gratuliere. Und erwarte nun mit Spannung den Blogpost über den Flug im Mai.
    (Aber falls Sie es sich kurzfristig anders überlegen sollten: Ich erböte mich selbstlos, an Ihrer statt… inklusive Bericht!)

  2. Toll geschrieben Elly! Ich habe a) zwar keine Flugangst, konnte aber dank der bildhaften Beschreibung bestens mitfühlen, wie es Dir erging und b) gelacht und erleichtert einmal mehr festgestellt: Die Angst vor etwas, dass uns Angst macht, ist meistens viel schlimmer, als der Auslöser der Angst selbst so schlimm wäre (äh, oder so ähnlich…;)

  3. Gut, dass ich Sie noch gefunden habe *tief Luft hol*…der Twitter-Account ist ja aufgelöst (und das, ohne mir vorher Bescheid zu geben. Schnöde ist das. Ganz schnöde. Nein, im Ernst: meiner TL fehlt was…Kreatives. Lebedinges. Lustiges.). Ich bin auch noch nicht gefolgen…ja, doch, einmal, mit einer Cessna. Ist aber schon Ewigkeiten her. Und ich gebe zu: leichten Bammel habe ich auch. Das kann sich aber nicht mit einer ausgewachsenen Flugangst vergleichen, schätze ich. Nun, mal sehen. Einmal ist immer das erste Mal. Viele Grüße Wickie

  4. Pingback: 2015 – in Euren Worten | juna im netz

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