Gedächtnis. Fotografisch. III

Heute also die Region „Alte Heimat“. Ich bin ja ein Wäller. Also Wäller heißt soviel wie Westerwälder. Für die nicht Ortskundigen: Der Westerwald erstreckt sich zwischen Rhein, Sieg, Dill und Lahn. Die Himmelsrichtung und die ungefähre Lage in Deutschland denken Sie sich jetzt bitte. Ich bin also ein Kind des Hanges (nicht Ganges), vom Berg, von dort, wo der Wind pfeift und wo sich Hase und Fuchs dingsen, und zwar so richtig  – und ach ja: eine Scheibe ist das Ganze hier auch, dachte ich zumindest früher. Als ich klein war. Obwohl, wenn ich heute ab und an näher hinschaue, bin ich mir nicht ganz so sicher, ob die katholische Kirche sich nicht 1992 irrte, als sie Galileo Galilei plötzlich in der erdlich runden Sache recht gab. Denn ich glaube ganz insgeheim, die Erde ist hier immer noch eine Scheibe. Direkt dahinten, kurz vor Obershausen (dachte ich als Kind), fällt man runter, wenn man sich zu weit über den Rand lehnt. In Wirklichkeit passiert das kurz vor der Autobahnauffahrt Richtung Frankfurt. Oder schlimmer noch, auf irgendeiner Baustelle auf der B49, von den einheimischen auch liebevoll „die Meil“ genannt. Die es ja nun auch schon ohne wesentliche Besserung seit 1789 gibt (und das ist kein Witz). Und bevor es zu irgendeinem Handgemenge komt: mit Scheibe meine ich natürlich das Ende der Idylle, die rauhe Welt da draußen. Denn dort, in meiner alten Heimat, ist es gar nicht so rauh und laut, wie es der Wind vermuten lässt.

Für mich ist Heimkommen auch immer ein ganz großes Stück runter kommen, mit dem Auto vorm Haus meiner Eltern vorfahren, aussteigen, einen Kaffee hingestellt bekommen, heiß, schwarz, der Blick nach draußen über den „Escherweg“, auch genannt: die „Esche“ (eine hecken- und eschenbepflasterter asphaltierter Feldweg, ähnlich der „Meil“, siehe oben, nur pittoresker) oder den „Buchholz“, die höchste Erhebung im Ort. Es munkelt, er sei vulkanischen Ursprungs, aber ich bin mir bis heute sicher, dass das gelbe Zeug, das uns Herr Fütz in der ersten Klasse zeigte, nix anderes als irgendeine mediokre Mittelhessische Steinflechte und keine Schwefelablagerungen waren. Heute steht dort oben eine nachts blau beleuchtete Kapelle. In Zeltform. (Das Foto dazu kommt natürlich mit meiner neuen Kamera). Früher schwebten an gleicher Stelle mal Ballons gegen die Tiefflieger. Es waren die Achtziger, die spannenden Zeiten der nächtlich vorbeirollenden amerikanischen Panzer auf dem Weg ins Manöver in unserem Wald, die brüllend den Asphalt aufrissen und uns aus den Betten warfen, doch genau diese Zeiten waren irgendwann vorbei, die Toleranz des Alltags mit den Kampfjets, die auf nur 200 Metern Höhe über unsere Idylle schossen, waren längst vergangen. Irgendwie lustig. Mit Luftballons gegen Tiefflieger. Ein bisschen Nena hielt sich eben über all die Jahre.

Aber ich wollte über die Ruhe sprechen, darüber, dass immer dann, wenn hier nichts zu hören ist, kein Auto, kein Flugzeug (im Landeanflug auf Frankfurt, also noch 60 Kilometer entfernt), immer dann, wenn es ruhig ist, merke ich, warum es so ruhig ist: es fehlt das Grundrauschen der Stadt. Es gibt hier kein Brummen von Klimaanlagen, keine surrenden Ablüfte, keine ratternde Straßenbahn, keine dröhnende Autobahn, keine klappernden Küchenhilfen während ihrer schnell zwischen zwei Gängen rausgestohlenen Zigarette, es gibt nichts. Nur Stille. Ein Rauschen eines Baumes, hier und da mal das Zwitschern eines Vogels, Also an Geräuschen. Und es ist für einen Wahlstädter wie mich ungemein erholsam. Und falls jemand nachts eine in schwarz gekleidete Gestalt im Garten meiner Eltern selig  in das Dunkel hören sieht: bitte erst ansprechen, dann die Polizei anrufen, es könnte ich sein.

Und so bleiben für mich als anständige Tochter zwei, drei, höchstens mal vier Tage (man will die entspannte Eltern-Tochter-Beziehung ja auch nicht überstrapazieren), und dann fahre ich wieder nach Hause, dreimal über die Hügel, letzter Halt vor der Autobahn (Aral, einmal volltanken, einen großen Kaffee und ein stilles Wasser bitte) und ich bin erholt und lächelnd und entspannt (und in der Regel auch um zwei Kilo Gewicht schwerer: sieben verschiedene Marmeladen (Mammalade, wie meine Tochter es früher treffend nannte, Ommalade wäre ja noch passender, aber das fiel uns erst später ein), fünf Einmachgläser voller sieben Kostbarkeiten, mindestens eine Stiege mit Obst, Gemüse und eine Tupperschüssel voll Gulasch un‘ Kloß‘ mit Soß‘ (um als mal in der Sprache der Aborigines meiner Wahlheimat wiederzugeben) reicher.

Ich bin so gerne dort. Nur Hase und Fuchs müssen sich wohl etwas in Acht nehmen, Also Hasi zumindest. Denn auch Frau wie ich hat ab und an mal wieder Appetit auf ein bisschen Kindheit. Und dazu gehört auch Hase. A la Onkel Herrmann. Aber zu ihm, meinen Eltern, den Grashalmen und einer kleinen Geschichte auf dem Schützenfest komme ich sicher ein anderes Mal noch zu sprechen.

In diesem Sinne startet nach Spanien heute Teil 3 meines “Best-of-iPhone-Archivs”, heute mit:

3. Der Westerwald. (Nein, nicht alle Hesse sin Verbrescher.)

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8 Comments

on “Gedächtnis. Fotografisch. III
8 Comments on “Gedächtnis. Fotografisch. III
  1. Hai ex Nachbarin,bringst es genau auf den Punkt,wir wäller,sehr schöne Bilder unserer Heimat,viellt sieht man sich ja das nächste mal wenn du hier bist

    Gruss
    Michsel

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  3. Huhu Sanne, ich habe eine Frage zu den gebastelten Grundstücken vom Gemeinschaftsprojekt. Kann ich meine auch in den Exchange hochladen oder wünschst Du das nicht? Ich respektiere natürlich, wenn Du das nicht gut finden würdest.Liebe Grüße

  4. 50 WB X 3 + 10 MUs –1st round of WBs got up to 25 — after that – just grinded those other sets out in 10s & 5s for the last round. WBs demolish me. Always have… MUs were on point today though – happy about those @ least. Hopped into the “Flight Simulator” for 12:00 total… no choice but to be really efficient as my legs were FUBAR @ this point.Only tripped up 2X on the descent… happy about this one as well. See y;all manana!

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