„Der Circle“ – ein nervenaufreibendes Werk von erdenklicher Zukunftsaussicht.

„Alles, was passiert, muss bekannt sein.“
Aus. Dave Eggers: Der Circle

log egegrsIch habe mich seit Monaten auf diesen Roman gefreut, Eggers ist mir kein Unbekannter, ich mag seinen Erzählstil, der mich an Boyle erinnert, mit einem Schuss Irving und ein bisschen – Verzeihung – Jojo Moyes. Und man möge mir gerade diesen letzten Vergleich wirklich verzeihen (und doch fand ich „Ein ganzes halbes Jahr“ wirklich berührend), aber ich unterstelle „Der Circle“, dass man ihn auch lesen kann, wie eine einfache, aber unterhaltsame FiKtion: mit ein bisschen Liebe und ein bisschen Tränen und ein bisschen Bangen und ein bisschen Sex (naja, nennen wir es eher Lust, ein wenig amerikanisiert, die flüchtigen, leicht verstohlenen Szenen, aber vielleicht kann man nach 50 Shades of Grey auch einfach nicht mehr darüber schreiben, wie normal „Liebe machen“ doch auch sein kann, mit spontaner Leidenschaft, mit verstohlenen Küssen oder eben auch mal mit einem vorzeitigen … Naja, Sie wissen, was ich meine).

Der Circle ist in der Tat ein echter Pageturner. Für mich. Ich weiß, dass er sehr polarisiert. Aber er ist ein Roman, auf den man sich leicht einlassen kann, einfach mal so, als unterhaltsame Geschichte, oder sofern man – und ich glaube, das ist schon einer der polarisierenden Punkte – Teil der „Maschinerie“ Internet, Daten, Cloud, Marketing, Werbung, Vernetzung, Socials usw. wie ich ist, wenn man die Gedanken Eggers, die Warnungen nachvollziehen kann, die Gedanken eines Romans, den man sehr einfach weiterdenken kann. Eggers skizziert es an, das Spannungsfeld zwischen sozialer, gut gemeinter Empfehlungswelt und den Krallen des manipulierenden Kapitalismus, zwischen den Bedürfnissen des Individuums und den Forderungen, den Gelüsten der Gemeinschaft, zwischen freundlicher Transparenz und totalitärer Überwachung.

Natürlich ist es eine Utopie, die Eggers beschreibt. Natürlich gibt es diese Welt nicht. Natürlich überzeichnet er, wenn er davon spricht, dass Kinder Chips mit GPS-Signal in den Knochen eintransplantiert bekommen, damit Eltern jederzeit wissen, wo sie sind. Es ist unreal, dass private und öffentlich installierte Kameras und Drohnen im Abgleich mit gespeicherten Daten und Live zugeschalteten Menschen beim Verfolgen und Aufspüren von Personen weltweit helfen (Menschenjagd, hallo Herr King.). Es ist absurd, dass Straftäter gekennzeichnet werden und man sie mittels einer Karte oder sogar einer Live-Gesichtserkennung erfassen, kategorisieren und dementsprechend behandeln kann. Und, und, und. Alles. Eine. Utopie. Sie merken, worauf ich hinaus will. Die Fußabdrücke im „Jetzt“, im „Hier“, im „Heute“ sind beim Lesen in der Tat kaum übersehbar. Und das macht Gänsehaut.

Sein Erzählstil hat mich dieses Mal bei weitem nicht so begeistert wie zum Beispiel in „Ein herzzereißendes Werk von umwerfender Genialität“. Er verkommt manchmal beinahe ins Triviale, ins sprachlich Langweilige, Wiederholungen, kaum Nebenplotts, Wiederholungen, vorhersehbare Handlungen und doch, irgendwie fesselt er. Seite für Seite. Da ist vor allem die Protagoniston, Mae, das nette, bald hirnzuwaschende Naivchen plätschert mir manchmal zu sehr durch den Tag, die Nacht, die Stunden, durch ihre „Follows“ und „Zings“ und „Smiles“ und „Frowns“, Sie, die kennzahlengetrieben ihr eigenes „Gut-Sein“ von ihrem eigenen Social-Rank abhängig macht (hallo Klout-Score) und ihren Arbeitsvertrag natürlich unterschreibt, ohne ihn durchzulesen. Aber sie ist eben das für den Leser nachvollziehbar gezeichnete (amerikanische?) Durchschnittsmädchen, 24, ein bisschen kerngeseift, ein bisschen unentschlossen, ob sie nun lieber in BWL oder Psychologie ihren Abschluss mache soll, ein bisschen unzufrieden, der Vater ein bisschen krank, der Ex-Freund ein bisschen zu dick und bei ihren – natürlich einsamen – Streifzügen im Kanu durch die kalifornische Bay dachte ich: Aha, Herr Eggers las also auch die „Insel der blauen Delphine“.

Mae, mit dem kreativen Nickname Maeday, beginnt also einen neuen Job in diesem Unternehmen namens „The Circle“, irgendwo in Kalifornien, ein gläsernes Imperium, eine Melange aus den positiven Silicon Valley-Bildern und Fantasien, die wir von und über Unternehmen wie Facebook, Apple, Amazon und Microsoft und deren charismatischen Unternehmensführern Zuckerberg, Jobs oder Bezos haben, die im Jetzt ja beinahe wie die Gründerväter der Morderne behandelt, ja fast angebetet werden, eine Melange der „40 under 40“-Elite, die mit ihrer potenziellen Innovationskraft und ihrem schier unendlichen Drang, die Welt zu verbessern, durch die Medien laufen wie die Aktienkurse auf n-tv, daneben die Circle-Mitarbeiter, die wie Ameisen über einen von freundlichem Licht und kostenlose KITAs und freien medizinischen Messeinheiten durchfluteten Campus strömen, dort arbeiten, leben, feiern, lieben, umgeben von einer eigenen Welt aus Theatern, Zirkusveranstaltungen, Partys, Obstkörben, Versicherungen udn Schlafplätzen und nicht zuletzt längst vergessenen Musikern, die das Kantinenessen dieser „auserwählten“ Circlern begleiten. Und sich vernetzen. Und immer, immer gläserner werden. Wie die Gebäude selbst.

Mae erhält an ihrem ersten richtigen Arbeitstag ihre Arbeitsutensilien, unter anderem ein Telefon und ein Tablet, „Er hielt einen schimmernden Gegenstand in der Hand, durchscheinend, die Ränder schwarz und glatt wie Obsidian. Mae war fassungslos: ‚Das ist doch noch gar nicht auf dem Markt.'“ Mae ist sofort geneigt, ihren eigenen, mitgebrachten (Bring your own device, aha, hmm.) wegzuwerfen. Ich erinnerte mich bei dieser Szene an mein erstes iPhone, mein erstes iPad, mein erstes MacBook, die Schlangen vor den Apple-Stores, you name it. Ich werde rot beim Lesen.

Eine sehr schöne Metapher, und ich möchte wirklich nicht zu viel über das Buch erzählen, ist die der Monitore. Mae beginnt also ihre Arbeit im Unternehmen „Circle“ in der Customer Experince. Sie startet mit einem Monitor. Dort erhält sie alle Anfragen von Kunden angezeigt. Die haben natürlich Priorität 1. Auf dem zweiten Bildschirm erscheint alles rund um Ihr Team, Ihre Vorgesetzten, Ihrer Abteilung. Dieser hat Priorität 2. Ist aber genauso wichtig wie Monitor 1. Dann erhält sie den dritten Monitor. Auf ihm findet das soziale Leben im Unternehmen und im Unternehmensumfeld statt. Also alle Social Posts, Follows, Zings, etc. Dieser hat Priorität 3, ist aber – man kann es erraten – genau so wichtig wie Monitor 1. Mae ist begeistert. „Drei Bildschirme für jemanden so weit unten auf der Leiter“. Es kommt, wie es kommen muss. Ihre Monitore werden mehr, wir kennen das, vielleicht nicht auf dem Schreibtisch, aber Handy, Tablet, Smartwatch, Laptop, noch ein Handy, die Transparenz steigt, der Strudel ist so vorhersehbar wie die Tatsache, dass der Hai, der noch eine kleine Nebenrolle spielen wird, den Octopus frisst.

Lange Rede, kurzer Sinn. Spätestens beim Vorwurf, „Alles Private ist Diebstahl“, was hier konkret meint, dass das Vorenthalten von Wissen, von Erfahrung, von Erleben asozial und menschenfeindlich sei, kam mir der große Kloß im Hals, denn Eggers schafft es, an das Gewissen des Menschen zu gehen. An das oberflächliche. Ich erinnere mich an eine Ausstellung, die ich Nürnberg vor etwa 13 Jahren besuchte. Es ging um die Propagandamaschine, den Sog der Argumente, der Gemeinschaft, des Apells. Ich erinnerte mich beim Lesen, damals Ähnliches gefühlt zu haben. Nur mit dem Gedanken an das Vergangene. Nun musste ich an die Zukunft denken. Und bekam feuchte Augen. Dass natürlich ein behindertes Kind an dieser Stelle zur finalen Manipulation unserer Mae herhalten musste, verzeihe ich Eggers dramaturgisch. Auch wenn er es sicher auch sprachlich statt bildlich hätte lösen können. Ich bekam beim Lesen stellenweise tatsächlich ein bisschen Angst. Denn wie sagt Eggers „Die Welt hat sich verdämlicht“. Dieser Satz hat sich mir tief eingeprägt. Und ich hoffe ja sehr, er irrt.

Mein Fazit? Denis Scheck sagte über diesen Roman: „Völker der Welt: Lest dieses Buch und verändert die Wirklichkeit.“ Vielleicht gehe ich nicht so weit, vielleicht fehlt mir dazu das Gen des Imperativs, vielleicht ist mir dazu das Thema auch stellenweise zu sehr verschenkt, zu sehr vereinfacht worden. Vielleicht bin ich mir auch noch nicht so sicher, ob das Buch, so wie es die Protagonistin begleitet, auch männliche Leser wirklich mitnimmt. Aber über eines bin ich mir sicher: ein klares „Lesen!“ verdient er allemal. Und ja, da hat sich tatsächlich ein Ausrufezeichen eingeschlichen.

Viel Vergnügen. Und Sie wissen ja, wo Sie mich in den Social Networks finden. Und über einen Kommentar hier freue ich mich wie immer auch.

One Comment

on “„Der Circle“ – ein nervenaufreibendes Werk von erdenklicher Zukunftsaussicht.
One Comment on “„Der Circle“ – ein nervenaufreibendes Werk von erdenklicher Zukunftsaussicht.
  1. Mir ging’s beim Lesen ähnlich.

    Absolut erschreckend waren diese Gedanken, dass eine solche Maschinerie in all ihrer Utopie tatsächlich funktionieren könnte. Und würde.

    Denn auch schon jetzt, mit all unseren sozialen Netzwerken, habe ich schon so oft beobachtet, wie Menschen zumindest ansatzweise ähnliche Verhaltensweisen wie die Protagonistin an den Tag legen.

    Dieser Wunsch danach, überall die meisten Sterne, Likes und Bewertungen zu bekommen. Diese dumpfen Gefühle, wenn man kein positives Feedback bekommt. Oder dieser Strudel, der entstehen kann, wenn Feedback ausbleibt.

    Wie schnell kehrt man Nichtwissen und ausbleibende Interaktion in negative Gedanken um, die sich im Abwärtsstrudel je nach Persönlichkeit sicher bis zum Selbsthass hin bewegen können.

    Diese Stelle hat mich am meisten schockiert. An Mae wird dieses neue Bewertungstool öffentlich getestet. Sie bekommt keine 100% – Positiv Bewertung, sondern bloß…93%? 97%? Egal, ich weiß nicht mehr genau, aber was dann geschieht, hat mich sehr mitgenommen, weil es sehr greifbar und real wirkt.

    Mae rechnet sich aus, wieviele Menschen im Circle demnach negativ bewertet haben müssen, steigert sich in diesen Gedanken derart rein, dass sie fest davon überzeugt ist, diese Menschen müssen sie hassen, möchten sie am liebsten tot sehen!

    Diese Dinge geschehen tatsächlich tagtäglich und sind meiner Meinung nach die größte, auch jetzt schon existente Gefahr.

    Alles wird bewertet. Längst nicht alles ist gläsern, aber überall werden Oberflächlichkeiten bewertet und man nimmt sich das viel zu oft zu sehr zu Herzen.

    Und ehe ich jetzt abschweife: Sehr lesenswertes Buch. Lässt mich sehr nachdenklich zurück.

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