Der Augenblick. All your perfect imperfections.

Es gibt sie. Diese Momente. Die einen ergreifen aus dem Nichts, fast filmerisch erzählt, begleitet von Musik und einem Lächeln. Ich hatte heute einen solchen wunderbaren Moment. Einen Moment, als einen Augenblick lang für mich die Zeit anhielt.

Es war eine meiner Sonntagstouren mit der Kamera. Da ich mein kleines geliebtes Karlsruhe auch nach 10 Jahren Leben in der Stadt immer noch nicht bis in alle Details spüre, machte ich einen kleinen Stadtgang (5 h): Baustellen (viele), Schloss (eins), Turm (42 Meter), Stauten (noch mehr) und Bilder (398). Weitergebummelt durch die Zeiten (Stein- bis Neu-), Schlosspark, Botanischer Garten, Bundesverfassungsgericht, und ja, es klingt langweiliger als es war.

Da ich in der Innenstadt auch lebe, ging ich eine der Seitenstraßen nach Hause, vorbei an den Cafés, den Läden mit ihren nicht enden wollenden Auswahl in den Auslagen, meinen Blick immer auf Laternenpfähle gerichtet, um ja keinen spannenden Aufkleber als Motiv zu verpassen.

Und dann hörte ich die Musik. Es lief Comptine d’Un Autre Été. (Sie fragen jetzt „Hä“? Was? Aber keine Sorge. Sie kennen es. Das passende Stichwort lautet: „Die fabelhafte Welt der Amelie“ und unzählige Castingsshows.) Und ja, ich gestehe, ich kann es nicht mehr hören und wunderte mich auch über die ungewöhnlich laute Beschallung. Einige fallende Pfennige später (auf den „Groschen“ verzichte ich an dieser Stelle der Alliteration willen) merkte ich, dass es auf einem Klavier gespielt wurde. Also so live. Richtig live. Nicht Konservenlive. Mein „Ein Klavier in der Fußgängerzone?“-Gesicht dazu dürfen Sie sich jetzt gerne vorstellen.

Hinter einem Handwerkerbuschen (ein bisschen Buschen) sah ich es dann. Ein altes, verspieltes, heruntergekommenes Piano. Mitten auf dem Gehweg. Daran saß ein Junge, vielleicht 6 oder 7 oder 10 und spielte. Neben ihm ein etwas älterer, vielleicht 12 oder 13 oder auch 14, gedankenversunken lauschend neben seinem kleinen Bruder (ich unterstelle den beiden einfach mal Verwandtschaft, sie mögen es mir verzeihen).

Bildschirmfoto 2015-05-31 um 19.04.06

Das Bild, das die beiden abgaben, faszinierte mich. Ich ging näher hin und hörte und lächelte und jedes einzelne meiner Haare hat sich glücklich aufgestellt. Menschen standen überall herum und hörten und sahen ebenfalls. Ich blickte in die Gesichter. Alle gedankenversunken. Alle in sich gekehrt. Alle zufrieden in dem Augenblick, der dort gerade stattfand.

Das Stück war vorbei. Die beiden Jungs wechselten die Plätze. Und der Große legte los. Und er spielte: All of me. Mein Lied des Jahres. Wer mich kennt, weiß, neben all der Musik, die ich höre, habe ich auch immer ein Lied des Jahres, das sich aus den aktuellen Charts nährt. Und in diesem Jahr ist es John Legend mit All of me. Am Klavier. Mit diesem schönen Text voller Liebe und Ruhe und Versöhnlichkeit. Mit Bedeutsamkeit für mich. Mit schönen Momenten verknüpft.

My head’s underwater
But I’m breathing fine
You’re crazy and I’m outta my mind
Cause all of me loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections

Und der Junge spielte. In seinem viel zu frechen Shirt mit der Aufschrift „FUCK!“. Er spielte. Mit seinem Skateboard neben dem alten Piano. Er spielte. Neben seinem kleinen Bruder in den offenen Chucks. Und er spielte für sich. Und doch durften wir alle daran teilhaben.

Und mir liefen die Tränen. Weil dieser Moment zu unendlich bezaubernd war, inmitten der Stadt, an einem touristisch geschäftigen Sonntag, an einem Tag, an dem mein Kopf ohnehin schon voller tiefer Gedanken war, machte er mir, ohne es zu wissen, ein wunderschönes Geschenk. Und ich bin so sehr dankbar. Dass ich ihn erleben durfte, diesen Augenblick.

Als es vorbei war, suchte ich einen Hut oder Ähnliches, um den beiden etwas Geld zu geben.Da war keiner. Ich lächelte und nickte und verstand. Und ging. Und ich bin mir sicher, die beiden haben nicht nur mich heute ein bisschen glücklicher gemacht. Danke, unbekannte Jungs, dass Ihr die Welt schöner macht. Einfach so.

Vom Video dazu gibt es nur einen kleinen vom MacBook abgefilmten Teil, ich habe nämlich keine Ahnung, wie ich das Original schneide, komprimiere und einpasse. So ist es, das digitale Leben.

Video.

Dass mir dieser wunderbare Moment vom Karlsruher Stadtmarketing im Rahmen des 300. Stadtgeburtstages beschert wurde, habe ich erst erfahren, nachdem ich Freunden das Video schickte. „Spiel mich“ heißt diese Aktion, neun Wochen lang stehen hier 20 Klaviere im ganzen Stadtgebiet. Wenn ich jetzt mal hochrechne, wieviele Menschen Gänsehaut geschenkt wurde, an 63 Tagen mal 20 Klaviere mal unzählige Spielende und unzählige Zuhörende, dann, ja dann bleibt mir nur zu sagen: Danke. Karlsruhe, meine Stadt.

One Comment

on “Der Augenblick. All your perfect imperfections.
One Comment on “Der Augenblick. All your perfect imperfections.
  1. Wie schön. Ich freue mich vor allem über das Video, weil es mir das gleich so viel näher bringt. Ich verstehe dich und dein Gefühl dazu. Zu mehr als 100 Prozent, wenn das nur ginge. Ich weiß ganz genau, wie ich da gestanden wäre und irgendwie weiß ich auch, wie du da gestanden bist. Ein wunderbarer Moment, ein Geschenk.

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